Sind wir zu desinteressierten Selbstoptimierern geworden?

by - Sonntag, September 29, 2019


Einatmen. Ausatmen. Im Hier und Jetzt sein. Nur der Stimme lauschen, die aus meinem Smartphone ertönt. Ich höre einen Podcast zum Thema Achtsamkeit im Alltag und bin tiefenentspannt, bis mich ein ganz bestimmter Satz aus diesem Zustand reißt:

"Ich beschäftige mich schon lang nicht mehr mit Nachrichten. Das ist mir zu negativ." 

So, das muss ich erstmal verdauen. Wahrscheinlich würden die meisten von uns gegen diese Begründung nicht so wirklich ankommen, oder? Negativ – Ja, das beschreibt unsere Nachrichtenlage sehr gut. Aber ich glaube auch, dass viele Menschen irgendwann den Anschluss verloren haben und deshalb einfach nicht mehr hinterherkommen. Alles scheint zu unübersichtlich. Zu viel.

Woher kommt sonst dieses innere Bedürfnis nach Ruhe und Frieden? Nie zuvor gab es so viele erfolgreiche Workshops und Seminare, die uns dabei helfen sollen, wieder voll und ganz bei uns selbst anzukommen. Unser volles Potential zu schöpfen. Und daran finde ich per se nichts verwerflich, im Gegenteil. Wir können uns doch glücklich schätzen, in einer Welt zu leben, in der uns geholfen wird, unsere Vollkommenheit zu erkennen und auszuleben. Uns auf unsere eigenen Bedürfnisse zu fokussieren und Wege zu finden, diese befriedigen zu können. Und doch empfinde ich diese Selbstzentrierung auch als problematisch, denn sie kann schnell zu einer überdimensionalen Bezogenheit zu sich selbst und der eigenen Perspektive führen. Von der Tatsache, dass bei all diesen Angeboten oft auch einfach nur ein raffiniertes Marketingkonzept dahintersteckt, mal ganz abgesehen.

Achtsam sein. Das hier und jetzt wahrnehmen, ohne es direkt zu bewerten. Nicht an damals oder morgen denken. Zu essen und sich dabei nur auf den Geschmack zu konzentrieren. Zu duschen und dabei nur das Wasser zu spüren, das am Körper herunterläuft. Viele assoziieren den Begriff der Achtsamkeit mit der Fürsorge zu sich selbst. Wenn wir ihn allerdings etwas greifbarer werden lassen, so geht er weit über das eigene Sein hinaus. Der sorgsame Umgang mit uns und unserer Welt ist untrennbar. Und spätestens hier stellt sich für mich die Frage, wie wir achtsam durchs Leben gehen können, ohne uns mit unseren Mitmenschen und unserem Planeten zu beschäftigen. Ohne aktuelle Geschehnisse mitzuverfolgen.

Ich wage zu behaupten, dass es keinem gesunden Menschen auf diesem Planeten gelingt, ohne Wertung durchs Leben zu gehen.

Wir haben alle ein individuelles Empfinden davon, was richtig und falsch ist. Ganz gleich ob konfessionslos, spirituell oder gläubig und unabhängig davon, ob politisch eher rechts, mittig oder links eingestellt. Niemand schafft es den Anblick eines hungernden Kindes in seinem Kopf nicht zu bewerten. Niemand schafft es urteilsfrei darüber hinwegzugehen, wenn ein Mörder ungeschoren davon kommt. Dafür müssen wir Täter und Opfer nicht mal kennen. Ist es dann also nicht unsere Aufgabe als privilegierte Bürger, die wir nichts weiter als Glück hatten, in einer Industrienation geboren zu sein, auf die Missstände anderer aufmerksam zu machen? Ist es nicht unsere Aufgabe als Achtsamkeit praktizierende Menschen, im Hier und Jetzt wahrzunehmen, wie es unserem Planeten geht?

Ich verstehe den Sinn dahinter, keine Nachrichten schauen zu wollen. Mir bedarf es auch hin und wieder nach Abstand. Es berührt meinen Alltag nicht, wenn im Golf von Oman zwei Tanker attackiert werden. Auch nicht, dass im Sudan hunderte Menschen gefoltert und umgebracht werden. Wir können scheinbar nichts ausrichten und so werden all diese Meldungen nur unnötig Hass und Trauer in uns auslösen. Nein, wir retten keine Leben, in dem wir Nachrichten schauen. Aber wir können auf eben jene Missstände aufmerksam machen. Und nein, wir können die Klimakrise nicht allein dadurch lösen, wenig Müll zu produzieren und Soja-Steak zu essen. Aber wir können andere mit unserer eigenen Lebensweise inspirieren. Dafür brauchen wir allerdings zuerst einmal ein Bewusstsein dafür, welches wir nur durch das Aneignen von Wissen erreichen. Wir müssen Interesse daran haben, was in unserer Welt geschieht, auch wenn uns das andere Ende der Erdkugel hin und wieder fremd vorkommt.

Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind so privilegiert, dass es uns langweilt.

Wir haben so viele Möglichkeiten, dass wir uns nicht festlegen wollen. Und so sind wir ständig auf der Suche. Wir suchen die Fülle unseres Herzens an den entferntesten Orten dieses Planeten. Und das nur, weil wir es können. Unbedacht, ob die Menschen dort genauso viele Freiheiten genießen, wie wir. Unbedacht, was wir unserer Umwelt damit antun. Wir sind so gesättigt, dass wir ständig nach mehr suchen, aber immer weniger finden. Wir wollen uns mit unserem "Higher Self" verbinden. Das lese ich überall. Ich, ich, ich. Alles zentriert sich auf unser eigenes Dasein. Wer weiß, vielleicht wären wir viel glücklicher, wenn wir unsere Gedanken nicht ständig um uns selbst kreisen lassen würden.

Bitte versteht mich nicht falsch. Natürlich ist das zugespitzt und ich nehme mich selbst da gar nicht aus. Nichts ist daran verwerflich, das eigene Privileg zu nutzen und an den eigenen Baustellen zu werkeln. Nichts ist daran verwerflich, unserer innewohnenden Entdeckerlust nachzugehen und die Welt aufzusaugen. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu lernen und so viel zu verstehen. Und das ist etwas ganz Wunderbares, denn es kann uns auch unglaublich bereichern und unsere Empathie stärken. Aber genau da sollten wir ansetzen. Nicht nur achtsam mit uns, sondern auch mit anderen umgehen. Am Ende sind wir doch schließlich alle miteinander verbunden.



Achtsam leben und politisch interessiert sein? Ja, das geht! Denn nur, wenn wir unseren eigenen Krug gut befüllen, können andere daraus schöpfen. Wir müssen zuerst selbst die Veränderung verkörpern, die wir uns in der Gesellschaft wünschen. Es gibt so viel Ärger und Leid, das sich nicht einfach so wegatmen lässt. Aber Achtsamkeit und Spiritualität sind Quellen der Energie. Nur durch sie habe ich neben all dem Alltagschaos überhaupt noch die Nerven, mich mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Was es auch ist, ob Yoga, Meditation oder der Glaube: Jeder kann sich seinen Anker der Besonnenheit in diesen stürmischen Zeiten selbst aussuchen. Denn durch Achtsamkeit können wir es uns aneignen, einen klaren, fokussierten Blick auf die Dinge zu behalten.

Also, lasst uns durch den achtsamen Umgang mit uns selbst, nicht den Rest des Planeten vergessen. Schließlich dreht sich die Welt nicht nur um uns.










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