Vegan = Mangelernährung? Wie die deutsche Gesellschaft für Ernährung an Glaubwürdigkeit verliert

by - Freitag, Dezember 29, 2017


"Was können Veganer denn überhaupt noch essen? Die haben doch nichts auf dem Teller" – wer sich noch nie mit der veganen Ernährung beschäftigt hat, der kommt nicht selten mit hartnäckigen Vorurteilen daher. Seitdem ich mich intensiv damit auseinandersetze, desto häufiger erhalte ich die Frage ob man denn genügend Nährstoffe aufnimmt. Ich für meinen Teil habe schon lange nicht mehr so bunt gegessen, wie in den letzten Monaten. Viel Obst und Gemüse, Vollkorn- und Sojaprodukte, Nüsse und Samen. Ich fühle mich fit, weniger müde und leicht – aber vielleicht ist das ja auch nur die anfängliche Euphorie. In diesem Post hier bin ich schon einmal in Kürze auf die gesundheitlichen Aspekte von Fleisch und Milchprodukten eingegangen, jedoch blieb kein Platz dafür, die vegane Ernährung hinsichtlich wichtiger Nährstoffe zu beleuchten. Dr. Annette Weber ist Ernährungsberaterin aus Frankfurt-Sachsenhausen. Neuerdings erhält sie von ihren Patienten vermehrt Anfragen zum Thema vegan essen. Ob sie eine vegane Ernährung für gesund hält? „Für solche Aussagen fehlen einfach die wissenschaftlichen Studien. Ich halte eine vegane Ernährung für sehr einseitig, einfach weil wichtige Lebensmittelgruppen der Ernährungspyramide komplett wegfallen und somit auch für eine ausgewogene Ernährung wichtige Nährstoffe.“ Mit dieser Meinung ist sie nicht alleine. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hält in einem Positionspapier zur veganen Ernährung diese Bedenken fest:

 „Bei einer rein pflanzlichen Ernährung ist eine ausreichende Versorgung mit einigen Nährstoffen nicht oder nur schwer möglich. (…) Für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche wird eine vegane Ernährung von der DGE nicht empfohlen. (…)Dazu sollte eine Beratung von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft erfolgen und die Versorgung mit kritischen Nährstoffen regelmäßig ärztlich überprüft werden.“


Ernährt man sich von heute auf morgen vegan und lässt bloß alle tierischen Produkte weg können durchaus gewisse Nährstoffe in einen Mangel geraten. Um das zu vermeiden sollte man darauf achten Lebensmittel zu konsumieren, die Mineralstoffe wie Calcium, Eisen, Jod, Zink und Selen enthalten. Auch eine ausreichende Protein- und Vitaminzufuhr sollte man im Auge behalten. Die DGE rät bei einer veganen Ernährung generell zu ergänzenden Nährstoffpräparaten, insbesondere für Vitamin B12, da es fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorhanden ist. Gehen wir jetzt aber mal davon aus jemand ernährt sich vegan und achtet auf eine gesunde und ausgewogene Kost. Das wird doch gesünder für den Körper sein, als die Ernährung eines Mischköstlers, der überhaupt nicht auf seine ausreichende Nährstoffzufuhr achtet – oder? Auch in diesem Fall bleibt Dr. Annette Weber skeptisch: „Das würde ich so nicht sagen. Natürlich gibt es Mischköstler, die nur wenig Obst, Gemüse oder Milchprodukte essen, aber die sind beispielsweise von der Eiweißversorgung her meist besser dran als Veganer. Entscheidend ist immer: was isst der Mensch wirklich?“ 

Das Protein-Argument

Zu wenig Proteine – das hört man im Zusammenhang mit veganer Ernährung sehr häufig. Aber ist pflanzliches Eiweiß wirklich so rar? Die DGE empfiehlt täglich 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht aufzunehmen. In meinem Fall wären das knapp 45 Gramm Eiweiß täglich. Ich beginne zu rechnen: Esse ich eine Portion Tofu á 200 Gramm mit Kichererbsen á 200 Gramm und Spinat á 500 Gramm komme ich auf ca. 48,8 Gramm Eiweiß. Wenn man sich seine Gerichte also bewusst zusammenstellt, und auf seine Nährstoffe achtet, dann kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine unbewusste Ernährung, die tierische Produkte einschließt, trotzdem gesünder sein soll. Es gibt bereits Studien, die davon überzeugt sind, dass tierisches Eiweiß das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und sogar Krebs erhöht. Pflanzliche Proteine lassen sich – anders als viele vermuten – in vielen Lebensmitteln finden, wie zum Beispiel Hülsenfrüchten, Nüssen, Getreide, Kartoffeln oder Sojaprodukten.


Ein  Risiko für Schwangere und Kinder

Die Einschätzung der DGE genießt allerdings von vielen Menschen in Deutschland vollstes Vertrauen. Aber gibt es Personengruppen, für die eine vegane Ernährung sogar negative Folgen haben kann? Laut DGE wird davon "in Schwangerschaft und Stillzeit sowie im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter" abgeraten. "Das kindliche Gehirn entwickelt sich ja bereits im Fötus, und das braucht einfach genügend Nährstoffe zur Entwicklung", so Dr. Annette Weber, "Hat man beispielsweise zu wenig B-Vitamine kann es passieren, dass sich das Gehirn des Babys nicht richtig entwickeln kann."

Eine andere Position vertritt die Amerikanische Gesellschaft für Ernährung (Academy of Nutrition and Diatetics), die größte Organisation für Lebensmittel und Ernährung der Vereinigten Staaten. Gemeinsam mit der Kanadischen Gesellschaft für Ernährung (Dietitians of Canada) erläutern sie in einem 2003 erstellten Positionspapier die gesundheitlichen Vorteile einer veganen Ernährung. Darin heißt es:

„Gut geplante vegane und andere Formen der vegetarischen Ernährung sind für alle Phasen des Lebenszyklus geeignet, einschließlich Schwangerschaft, Stillzeit, früher und späterer Kindheit und Adoleszenz.“

Diese Aussage wurde 2009 in einem überarbeiteten Positionspapier der Amerikanischen Gesellschaft für Ernährung sogar noch bestärkt:  sofern gut geplant und richtig durchgeführt sei eine vegane Ernährung gesund und nahrhaft für Erwachsene, Kleinkinder, Kinder und Heranwachsende. Weiter noch könne sie sogar chronische Krankheiten wie Herzerkrankungen, Krebs, Übergewicht und Diabetes vorbeugen. Auch die weltweit größte Vereinigung von Kinderärzten, die American Academy of Pediatrics, hat sich dieser Bewertung angeschlossen.

Die DGE geht zwar in ihrem Positionspapier auf die von ihren Positionen abweichenden Meinungen der amerikanischen und kanadischen Ernährungsorganisationen ein, allerdings reflektiert sie diese nicht. Worauf bezieht sich die DGE also bei ihren Annahmen? Wissenschaftliche Analysen liefern zu dem Thema bisher heterogene Ergebnisse. Der aktuelle Forschungsstand berechtigt die DGE demnach nicht zur ihrer Position. 


Die DGE verliert ihre Glaubwürdigkeit

Man könnte sich jetzt Fragen, warum die DGE  in ihrem Positionspapier nicht einfach die Voraussetzungen auflistet, wie eine gesunde und ausgewogene vegane Ernährung in jedem Lebensabschnitt funktionieren kann, anstatt immer wieder darauf hinzuweisen, wie schwer die Aufnahme aller benötigten Nährstoffe ist. ProVegan hat sich zur Beantwortung dieser Frage die Zusammensetzung der Beiräte der DGE angeschaut und aufgedeckt: Die Verantwortlichen vertreten teilweise im hohen Maße Interessen der Landwirtschaft, der Politik sowie der Fleisch- und Milchindustrie. Die DGE-Sektion Thüringen veranstaltet beispielsweise Milchpartys, die durch die Landesvereinigung Thüringer Milch e.V. finanziert werden. Im Beirat der DGE-Niedersachsen mischt unter anderem der Deutsche Fleischerverband mit. Wie man da noch die Objektivität aber vor allem die Glaubwürdigkeit der DGE einschätzen soll, dass überlasse ich jedem selbst.

Bilder: Viktor Hanacek, Karolina Grabowska









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