Hey, Ich lebe jetzt mal cruelty-free

by - Mittwoch, November 15, 2017


Grüne Blogs gibt es wie Sand am Meer. Dabei reicht es lange nicht mehr einfach nur ein bisschen an die Umwelt zu denken. Heutzutage muss man es schon voll durchziehen. Influencer, die den veganen Lifestyle leben und damit Millionen von Menschen erreichen, gehören schon lange nicht mehr zu einer kleinen Nische. Nachhaltigkeit und Empathie sind in der Blogosphäre en vogue. Allerdings kann ich mich mit den meisten grünen Bloggern nicht so richtig identifizieren. Vielleicht, weil bei ihnen alles immer so ethisch korrekt aussieht. So ganz ohne Flecken auf dem weißen Fairtrade-Baumwoll-Shirt. Zum Frühstück erstmal einen Green-Smoothie, zum Lunch gibt's dann eine Quinoa-Bowl in irgendwelchen hippen Cafés und Konsum wird nur betrieben wenn "Bio" oder "tierversuchsfrei" drauf steht.

Du kannst sie nicht alle retten. 

Ich dagegen schlage mich jeden Tag mit einem Engelchen und einem Teufelchen auf meinen Schultern durch. „Du kannst sie nicht alle retten“, flüstert mir das Teufelchen zu, wenn ich mit Freunden beim Italiener sitze und mir eine Pizza bestellen will. Mit viel Käse, versteht sich. „Jede ethisch vertretbare Entscheidung bringt dich dem Menschen näher, der du eigentlich sein willst“, kontert das Engelchen hinterher, wenn ich mir dann am nächsten Morgen statt Kuhmilch den Mandeldrink in den Kaffee schütte. Was dieses Dilemma noch bestärkt ist meine Bequemlichkeit. Ich will nicht stundenlang im Supermarkt oder der Drogerie stehen, und mir viel zu lange Inhaltsangaben durchlesen. Vor allem weil ich die meisten Begriffe ohnehin nicht zuordnen kann. Es muss doch schnelle, gute und einfache Lösungen geben, für die kein Tier leiden muss, und die ich problemlos in meinem Alltag integrieren kann.

Wenn wir uns zuhause mal umschauen, dann werden sich die meisten wundern, wie viele tierische Produkte wir jeden Tag konsumieren. Dabei bringen wir die meisten damit gar nicht in Verbindung. Weder die Creme, die wir uns abends ins Gesicht schmieren, noch die Winterschuhe, in die wir an kalten Tagen so gerne schlüpfen. Uns kommen keine Bilder davon in den Kopf, was für ein Leid so manchem Tier widerfahren ist, bei der Produktion von ganz selbstverständlichen Gegenständen. Weil wir es nicht zu sehen bekommen. Und weil wir es nicht zu sehen bekommen wollen. Ich für meinen Teil hinterfrage nicht jedes Glas Wein, dass ich an einem lauen Sommerabend trinke. Auch nicht das Stück Brot, dass ich mir morgens beim Bäcker kaufe. Weil ich nie damit konfrontiert werde, was sich wirklich hinter den kryptischen Bezeichnungen auf irgendwelchen Nährwertangaben und Inhaltsstofflisten verbirgt. Ich sehe auf den ersten Blick nicht, ob der Lippenstift, den ich trage, zuvor an Tieren getestet wurde. Genauso wenig ist mir bewusst, ob das Ei in dem verpackten Kuchen nun aus Boden- oder Bio-Haltung stammt.

Weil wir Menschen unterscheiden:
zwischen Haustieren und Nutztieren. 

Wir sind doch irgendwie alle davon überzeugt, tierlieb zu sein. Die wenigsten erfreuen sich daran, ein Lebewesen leiden zu sehen. Vor allem nicht unsere Haustiere. Unseren Hund gewähren wir ganz selbstverständlich Einlass in unsere Wohnung, machen für ihn Kompromisse, sorgen für sein Wohlbefinden und lieben ihn mehr, als irgendeinen entfernten Verwandten. Niemals würden wir auf die Idee kommen ihm eine Salbe in die Augen zu schmieren, um deren Wirkung zu testen. Niemals würden wir ihn schlachten, nur weil wir hungrig sind. Wir würden von einer trächtigen Hündin auch nicht die Muttermilch abzapfen, um sie in unser Müsli zu schütten. Weil wir Menschen unterscheiden: zwischen Haustieren und Nutztieren. Und plötzlich ist es vollkommen legitim, die Milch einer Kuh zu trinken. Es ist legitim Hühnereier zu essen, und Hinterschinken aufs Brot zu legen. Wir kaufen kosmetische Produkte, die an Ratten und Mäusen getestet werden. Wir tragen Pelzmäntel und Ledertaschen, im klaren Bewusstsein, dass es da draußen Tiere gibt, die dafür ihr Leben geben müssen. Wo ziehen wir also die Grenze?

Ob wir überhaupt eine Grenze ziehen müssen, da gehen die Meinungen weit auseinander. Kritiker des veganen Lifestyles behaupten, ein fleischloses Leben sei lediglich das Ergebnis unseres westlichen Wohlstandes. Uns geht es heute so gut, dass wir unsere Nahrung sogar nach einer ethischen Ideologie ausrichten können. Jedoch würden wesentlich weniger Menschen penibel auf ihr Essen achtgeben müssen, wenn nicht eben jener westliche Wohlstand dazu geführt hätte, dass die Fleischketten ihre Ware zu einem Spottpreis anbieten – und das auf Kosten des Produktionsstandards und natürlich der Tiere. Allein in Deutschland leben mittlerweile rund 8 Millionen Menschen vegetarisch und schon über 1 Millionen Menschen vegan. Trotzdem war die Kluft zwischen der Anzahl an Menschen, welche die Fleischindustrie hinterfragen, und den realen grotesken Zuständen in Massentierhaltungsanlagen nie größer. Und diese Kluft wird ganz besonders dann ein Problem, wenn wir als Verbraucher unsere Kaufentscheidung nicht mehr bewusst treffen können. Es wird bis heute viel zu wenig deklariert. Der Markt ist einfach nicht transparent genug, dafür dass es dabei um das Wohlbefinden von Lebewesen mit einem Nervensystem geht.

Ob ich Tiere liebe? Manche schon, ja. 

Ob ich Tiere liebe? Manche schon, ja. Aber auch ich unterscheide. Zwischen einem Hund und einer Spinne zum Beispiel. Zwischen Schweinen und Kühen und Hühnern und Katzen und Mäusen und Schafen. Und das beweise ich mit jeder Kaufentscheidung, die ich Tag für Tag treffe. Und deshalb glaube ich den Leuten, die in der Lage sind Tiere zu essen, und trotzdem behaupten sie zu lieben. Weil ich selbst über 20 Jahre lang Tiere gegessen habe. Weil ich selbst sehr lange weggeschaut habe. Ich will nicht mehr länger dass ein Tier leiden oder sogar sterben muss, damit ich satt werde oder mir ein bestimmtes Produkt – was ich objektiv betrachtet nicht wirklich brauche – kaufen kann. Weil ich es nicht mehr muss. Es gibt heutzutage so viele Alternativen.

Aber vielleicht übersehe ich auch was. Vielleicht müssen wir gar nicht alle zu 100 % ethisch korrekt leben. Genau das will ich auf Living cruelty-free herausfinden. Ich will meinen Alltag dokumentieren, und beobachten, welche tierischen Produkte in meinen Regalen stehen, und vor allem welche Produktionsverfahren oder Inhaltsstoffe damit einhergehen. Außerdem will ich mich selbst testen: was passiert, wenn ich auf Produkte tierischen Ursprungs verzichte? Und ist das überhaupt die einzige Lösung, um sich nicht am Elend von Nutztieren zu beteiligen? Ich suche nach einem Kompromiss, der nicht bloß aus Alles oder Nichts besteht. Und ich würde mich freuen, wenn du mich dabei begleitest.








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